Blickwechsel #13 – Stilfigur

Blickwechsel #13

Im Rahmen der Serie »Blickwechsel« schreiben Kolleg:innen des DFK Paris im Duo über Wort-Bild-Paare. Die daraus entstehenden Texte können verfolgt werden über www.instagram.com/dfkparis und sind auch hier auf unserer Homepage nachzulesen.

Im dreizehnten Beitrag von März 2026 tauschen sich Kim Sterzel und Franziska Solte zu folgendem Wort-Bild-Paar aus:

Stilfigur

Paul Klee, Angelus Novus, 1920, Tusche, Ölkreide und Aquarell auf Papier, 31,8 × 24,2 cm, Jerusalem, The Israel Museum, Inv. B87.0994, 199799, www.imj.org.il/en/collections/199799-0

Paul Klees Zeichnung des Angelus Novus ist eine Zeitreise in die 1920er Jahre. Sie begleitete den Philosophen Walter Benjamin ins Exil nach Frankreich und wurde zur bildlichen Stilfigur seiner Geschichtstheorie, zum »Engel der Geschichte*«. Die Augen weit aufgerissen, der Mund offen und die Flügel ausgespannt hat er »das Antlitz der Vergangenheit zugewendet*« und wird gleichzeitig vom Sturm des Fortschritts in die Zukunft getrieben. Lange kann ich mir den Engel nicht anschauen: In Anbetracht dieses angsterfüllten Blickes, der sich leicht rechts an mir vorbei schielend im Raum hinter mir verliert, bekomme ich eine Gänsehaut. Egal, wie viel ich über Benjamin gelesen habe, auf was genau der Engel starrt, kann ich mir bis jetzt nicht erklären. Sind es die Trümmer, von denen Benjamin spricht, die sich vor den Augen des Engels – und also hinter mir?! – auftürmen?

Und was geht Dir angesichts dieses Wort-Bild-Paares durch den Kopf, liebe Franziska?

Deine Kim Sterzel

* »Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.«

– Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte (1940), These IX

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Vielleicht weniger (rhetorische) Stil- als vielmehr Denkfigur, vielleicht weniger Denkfigur als vielmehr Denkbild ist der Angelus Novus für Walter Benjamin – und als solches ist er in die Philosophie und Kunstgeschichte eingegangen. Als ich letztes Jahr in einer Ausstellung im Berliner Bode-Museum vor diesem Blatt stand, wunderte ich mich fast darüber, dass sich dieses Denken nicht schon längst darin physisch eingeprägt hat: dass dort einfach erstmal nur eine aquarellierte Ölpause im »Hier und Jetzt«** vor mir hing, mit leichten Verschmierungen des Druckverfahrens und dunkel gefärbten Ecken. Der Angelus Novus bleibt Bildobjekt, aus unzähligen Reproduktionen bekannt, das weder in der Sprache noch im Denken restlos aufzugehen vermag. Vielleicht löst gerade dies Dein Unbehagen aus? Aber auch mir war in der unmittelbaren Betrachtung des Originals kein ›reines‹ Objektsehen möglich: Kennt man nur Bruchteile der eng mit der Biografie Benjamins verbundene Provenienz des Bildes, dann schleicht sich in das Sehen ein Suchen nach den Spuren dieser »Geschichte« ein, der das Kunstwerk »im Laufe seines Bestehens unterworfen gewesen ist«.**

Danke, liebe Kim, für diesen Blickwechsel.

Deine Franziska Solte

**»Noch bei der höchstvollendeten Reproduktion fällt eines aus: das Hier und Jetzt des Kunstwerks – sein einmaliges Dasein an dem Orte, an dem es sich befindet. An diesem einmaligen Dasein aber und an nichts sonst vollzog sich die Geschichte, der es im Laufe seines Bestehens unterworfen gewesen ist. Dahin rechnen sowohl die Veränderungen, die es im Laufe der Zeit in seiner physischen Struktur erlitten hat, wie die wechselnden Besitzverhältnisse, in die es eingetreten sein mag. Die Spur der ersteren ist nur durch Analysen chemischer oder physikalischer Art zu fördern, die sich an der Reproduktion nicht vollziehen lassen; die der zweiten ist Gegenstand einer Tradition, deren Verfolgung von dem Standort des Originals ausgehen muß.«

– Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1935)

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