Blickwechsel #14 – Figur und Grund

Blickwechsel #14

Im Rahmen der Serie »Blickwechsel« schreiben Kolleg:innen des DFK Paris im Duo über Wort-Bild-Paare. Die daraus entstehenden Texte können verfolgt werden über www.instagram.com/dfkparis und sind auch hier auf unserer Homepage nachzulesen.

Im vierzehnten Beitrag von April 2026 tauschen sich Franziska Solte und Theresa Lambrich zu folgendem Wort-Bild-Paar aus:

Figur und Grund

Das Einhorn springt über einen Bach (einer der sieben Wandteppiche aus der Serie der Einhornjagd), Frankreich (Karton)/Südniederlande (Herstellung), 1495–1505, Kettfäden aus Wolle mit Schussfäden aus Wolle, Seide, Silber und vergoldetem Garn, 368,3 × 426,7 cm, New York, Metropolitan Museum, Schenkung von John D. Rockefeller Jr. (1937), inv. 37.80.3, www.metmuseum.org/art/collection/search/467639 (Public Domain)

  

»Figur und Grund« ist zwar kein Doppelwort im strengen Sinne unseres Spiels, gehört jedoch in der Kunstgeschichte zu den begrifflich etablierten Dichotomien. Ihren Ursprung hat sie in der Gestaltpsychologie des frühen 20. Jahrhunderts, wo die Figur-Grund-Relation als Selektionsleistung beschrieben wird, also als Differenzierung und Hierarchisierung von Sinneseindrücken nach ihrer Relevanz. In diesem Verständnis evoziert sie die Vorstellung einer stabilen, hierarchisch organisierten Bildkonstellation: Die Figur tritt als klar umrissene, geschlossene Einheit hervor, während sich der Grund demgegenüber ins Indifferente zurücknimmt. In der kunsthistorischen Reflexion wird eine solche binäre Ordnung jedoch vor allem dort thematisch, wo sie ins Wanken gerät – wo sie durch widersprüchliche Bildkonzeptionen unterlaufen oder in ihren Auflösungserscheinungen sichtbar wird. Angeregt durch die Lektüre von Bernhard Siegerts jüngst auf Französisch erschienener Studie Kulturtechniken: Rastern, Filtern, Zählen… kommt mir etwa ein spätmittelalterlicher Wandteppich in den Sinn, der um 1500 in Paris kartoniert und in den südlichen Niederlanden gewebt wurde und sich heute im Metropolitan Museum in New York befindet. Denn die Darstellung der Einhorn-Jagd gewinnt ihre Eindringlichkeit gerade daraus, dass sich die Bildelemente – die Bäume und Pflanzen, die Jäger mit ihren Lanzen und Hunden sowie das über einen Bach springende Einhorn – wechselseitig überlagern. Auch im Detail entzieht sich der Teppich einer eindeutigen Zuordnung von Figur und Grund. So scheinen die roten Strumpfhosen zweier Jäger auf der linken Bildseite an den Knien geflickt zu sein. Aber lässt sich hier überhaupt noch entscheiden, ob es sich um eine materielle Beschädigung des Gewebes handelt oder um die Darstellung eines Flickens? Bildträger und Bildinhalt, Figur und Grund sind hier im wörtlichen wie übertragenen Sinne miteinander verflochten.

Und was geht Dir angesichts dieses Wort-Bild-Paares durch den Kopf, liebe Theresa?

Deine Franziska Solte

Kontakt
fsolte

Dr. Franziska Solte

Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Direktion
Telefon +33 (0)1 42 60 40 34

Das Thema »Figur und Grund« und auch der Wandteppich spiegeln ganz wunderbar das Institutsgeschehen wider: So fällt zunächst das Einhorn ins Auge, hell und beinahe leuchtend vor dem dunkleren Wald. Die Jagd konzentriert sich auf diese eine Figur. Aber je länger man schaut, desto stärker beginnt der Hintergrund zu arbeiten. Die Pflanzen, Hunde, Lanzen, das Wasser, kleinere Details an der Kleidung – alles ist miteinander verwoben. Der dichte Bildgrund gibt dem Bild einen Rahmen. Und vielleicht liegt gerade darin auch eine kleine Wahrheit institutioneller Arbeit an einer Forschungseinrichtung wie der unseren. Denkt man an das DFK Paris, so sind die ersten Assoziationen wahrscheinlich Figuren: die Forschenden, Kolleginnen und Kollegen, Vorträge, Publikationen oder Forschungsprojekte treten in den Vordergrund. Doch dahinter liegt ein dichter Grund der »Forschungsinfrastruktur«, institutioneller Strukturen sowie eine Aufbau- und Ablauforganisation, die das Institutsgeschehen tragen. Gerade an einem Forschungsinstitut wie dem DFK Paris erscheint mir dieses Verhältnis produktiv: Wissenschaft braucht Sichtbarkeit und Freiheit, aber ebenso einen soliden Grund und Strukturen, die genau dies ermöglichen, sie aber nicht überlagern. Ein solider Grund und strahlende Figuren sind kein Gegensatz, vielmehr können sie einander ergänzen und ein harmonisches Bild ergeben.

Danke für diesen Blickwechsel, liebe Franziska, der wohl sehr bezeichnend für das DFK Paris und seinen Charakter ist!

Deine Theresa Lambrich

Kontakt
Theresa Lambrich 2025

Theresa Lambrich

Verwaltungsleiterin
Telefon +33 (0)1 42 60 32 33