Blickwechsel #16 – Satzbau
Blickwechsel #16
Im Rahmen der Serie »Blickwechsel« schreiben Kolleg:innen des DFK Paris im Duo über Wort-Bild-Paare. Die daraus entstehenden Texte können verfolgt werden über www.instagram.com/dfkparis und sind auch hier auf unserer Homepage nachzulesen.
Im sechzehnten Beitrag von Juli 2026 tauschen sich Lena Bader und Katharina Kolb zu folgendem Wort-Bild-Paar aus:
Daiara Tukano, História da Cobranização, 2022,
Acryl auf Papier, São Paulo, Museu da Língua Portuguesa,
Inv.-Nr. Exp_NhePora_353
Satzbau, so lernten wir, bedeutet Ordnung und Disziplin: Subjekt, Prädikat, Objekt. Ein einsames Stapeln von Steinen im stillen Kämmerlein der Grammatik. Wir errichten Mauern aus Behauptungen, während der »Satzbauinspektor« im Hinterkopf die Fugen prüft. Bloß keine Satzbaukatastrophe! Was aber, wenn das Subjekt nicht auf seiner vorschriftsmäßigen Position beharrte, starr und unnachgiebig? Ein Satzbauwagnis. Was, wenn es vielmehr darum ginge, ob zwischen den Worten genug Platz für die Existenz eines anderen bleibt? Wenn wir Sätze bauend, uns übersetzten, über Grenzen hinwegsetzend. Nach dem schönsten spanischen Wort gefragt, antwortete Antonio Gamoneda, der die Franco Diktatur in der intellektuellen Opposition überstand: »Ich glaube, es könnte Du (tú) sein. Zwei Phoneme, aber sie tragen die Anerkennung der existenziellen Realität eines anderen Wesens in sich – und das ist wichtig, in unserem Leben wie im Leben aller. So schlicht, so kurz und doch so bedeutungsvoll, denke ich, ist das Wort Du.« Ein Satzbauwunder.
Und was geht dir angesichts dieses Wort-Bild-Paares durch den Kopf, liebe Katharina?
Deine Lena Bader
Die beiden sich konfrontierenden Schlangen in Daiara Tukanos Zeichnung verkörpern eine graphische und semantische Opposition. Die ornamentalen Motive auf warmen Gelbtönen der linken »cobra« stehen in scharfem Kontrast zu den aneinandergereihten »bleiernen« Lettern, die »Schlag«-Worte bilden und deren Brutalität durch den kalten grauen Hintergrund unterstrichen wird. Die in diesem Werk visualisierten Schriftbilder stehen als Metapher für indigene und koloniale Weltanschauungen. Hier wird kulturelle Gewalt in eine Formensprache übersetzt, die weit jenseits der »Koine« im Sinne Michel Serres liegt.
»Du« – sich dem Gegenüber zuzuwenden – bedeutet, eine Brücke zu bauen. Bei der Erstellung der Druckmedien des DFK Paris bildet dieser Gedanke den Kern meiner Tätigkeit. Die Gestaltung einer ansprechenden Typographie ist Grundlage von wissenschaftlicher Kommunikation, welche dem Gegenüber den Inhalt auch über das Schriftbild zu vermitteln sucht.
Danke, liebe Lena, für diesen Blickwechsel!
Deine Katharina Kolb