Zwei-Jahresthema 2026/28 – Das Bild der Stadt

Zwei-Jahresthema 2026/28 – Das Bild der Stadt

Es erscheint kaum möglich, das vielschichtige Phänomen der Stadt auf einen einheitlichen Begriff zu bringen. Denn die Stadt zeigt sich als offene Folge von Formen und Gegenformen, erscheinenden und verschwindenden Phänomenen, verwirklichten, aufgegebenen oder zerstörten Träumen. Als gebaute Form, urbaner Raum und Ressource der Imagination erschließt sich die Stadt nicht nur in ihrer theoretischen Durchdringung, sondern auch in der Wahrnehmung und Produktion des gewaltigen Bilderreservoirs, das ihre Erfahrung begleitet und hervorbringt. Mit dem Zwei-Jahresthema »Das Bild der Stadt« möchte das DFK Paris einen grundlegenden Beitrag zum historischen wie theoretischen Verständnis der Formierung, Repräsentation und Imagination der Stadt leisten und auf diese Weise an aktuelle methodische Diskussionen anschließen.

 

Direktion

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Peter Geimer

Prof. Dr. Peter Geimer

Direktor
Telefon +33 (0)1 42 60 67 82
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Jean-Christophe Bailly

Dr. Jean-Christophe Bailly

Co-Direktor des Jahresthemas / »Das Bild der Stadt« (2026–2028)

 

Koordination

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Julian Volz

Julian Volz

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Direktion
Telefon +33 (0)1 42 60 40 34

 

Forschungsprojekte der Stipendiat:innen des Zwei-Jahresthemas

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Alessandro Grelli

Dr. Alessandro Grelli

Stipendiat des Zwei-Jahresthemas / 2026 – 2028

Alessandro Grelli
Promovierter Historiker (Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne und Universität Padua)

 

Die Stadt in der Rotunde, die Rotunde in der Stadt: die urbane „Panoramanie“ im 19. Jahrhundert (London, Paris, Berlin, 1790–1900)

1787 ließ sich der irische, in Edinburgh tätige Künstler Robert Barker seine Erfindung La Nature à Coup d’Œil patentieren, die er 1791 in Panorama umbenannte – ein aus dem Griechischen gebildeter Neologismus, der »Blick auf das Ganze« bedeutet. Es handelte sich um ein riesiges 360-Grad-Gemälde, das eine Stadtansicht, eine Landschaft oder ein historisch-militärisches Ereignis darstellen und ein immersives Erlebnis schaffen sollte – das heißt, es sollte es den Besuchern ermöglichen, in das Bild einzutreten und das Dargestellte selbst zu erleben. Indem das Panorama eine völlig neue Art der Kunstbetrachtung einführte und ein bis dahin unbekanntes Erlebnis virtueller Realität schuf, begeisterte es rasch die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und etablierte sich als eines der populärsten Medien seiner Zeit, sodass Schriftsteller, Kritiker und Journalisten von einer regelrechten »Panoramanie« sprachen.
Dieses Forschungsprojekt widmet sich einer besonderen Panoramagattung, die im 19. Jahrhundert großen Erfolg hatte: dem Stadtpanorama. Indem das Panorama gerade die Stadt, die es beherbergte, ins Bild setzte, definierte es – in einem ebenso faszinierenden wie paradoxen Spiel von Blicken und Spiegelungen – seine eigene Identität als Medium, wobei es zugleich einen verschlungenen Weg voller abrupter Brüche, plötzlicher Wendungen und unerwarteter Richtungswechsel nahm.
Genau diesen verschlungenen Wegen will das Projekt nachgehen, indem es das Phänomen der »Panoramisierung« rekonstruiert, mit dem die Stadt im Laufe des 19. Jahrhunderts konfrontiert war. Durch die Verbindung von Bild-, Kultur-, Stadtgeschichte und Medienarchäologie soll gezeigt werden, wie sich das Panorama der Stadt bemächtigte, um sie als Bild, Schauspiel und Ware zugänglich zu machen, und wie umgekehrt die Stadt das Panorama als physischen Ort prägte – das heißt als einen eigenständigen neuen urbanen Raum neben den Passagen, den Boulevards und der Eisen- und Glasarchitektur.
Um diese Prozesse zu erfassen, wird das Projekt drei der wichtigsten urbanen und panoramischen Zentren Europas im 19. Jahrhundert untersuchen: London, Paris und Berlin.

 

 

Margaux Lavernhe 
Promoviert an der École des Hautes Études en Sciences Sociales

 

Fotografische Erzählungen einer afrikanischen Utopie: Accra (1950–1970)

Das Forschungsprojekt befasst sich mit fotografischen Darstellungen der Stadt Accra im Zusammenhang mit den Prozessen der Unabhängigkeit, der sozialen Reformen und des Nation Building, die Ghana zwischen den 1950er und 1970er Jahren durchlief. Als Hauptstadt des ersten Landes in Subsahara-Afrika, das 1957 unter der Führung von Kwame Nkrumah seine Unabhängigkeit erlangte, wurde Accra auch zum neuen kontinentalen Zentrum des Panafrikanismus. Damit bot die Stadt der Utopie der afrikanischen Befreiung ihre sichtbarste Bühne, die sowohl auf lokaler als auch auf internationaler Ebene Beachtung fand.
Die Bilder der Stadt verweisen auf ein bestimmtes, konflikthaftes Spannungsfeld zwischen unterschiedlichen Sichtweisen, die dieses Forschungsprojekt zu kartieren beabsichtigt. Der normativen Bildsprache des neuen Nationalstaats, die sich auf Stadtplanung, die Monumentalisierung der Hauptstadt und deren modernistische Architektur stützt, steht die gleichsam zu erkundende Bildsprache privater Fotografen gegenüber, die sich die Stadt auf der Ebene ihres Stadtviertels aneignen. Sie entwickelten ihre eigenen Vorstellungswelten der Stadt, dokumentierten deren Übergangszustände und erfanden eine Landschaft, die aus ihren affektiven Geografien gewoben ist. In der Ära Nkrumah (1957–1966) zog Accra auch zahlreiche Blicke von außen auf sich, deren visuelle Erzählungen die Erwartungen, aber manchmal auch die Enttäuschungen gegenüber dieser Stadt als Zentrum einer politischen Revolution offenbaren.
Indem diese unterschiedlichen Perspektiven miteinander in Beziehung gesetzt werden, soll untersucht werden, welche Sichtbarkeitsregime geschaffen werden, um der Stadt als Träger einer politischen Utopie Gestalt zu verleihen. Das Projekt stützt sich hierzu auf die ikonografische Untersuchung der Bilder ghanaischer und internationaler Fotografen (James Barnor, Willis E. Bell, Konrad Helbig, Richard Wright), sowie auf die publizistischen Formen, in denen die Stadt dargestellt und vermittelt wurde, etwa in Form von Stadtentwicklungsplänen, Fotomagazinen und -büchern oder auch Postkarten.

 

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Margaux Lavernhe

Margaux Lavernhe

Stipendiatin des Zwei-Jahresthemas / 2026 – 2028
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Bronwyn Louw

Bronwyn Louw

Stipendiatin des Zwei-Jahresthemas / 2026 – 2028

Bronwyn Louw
Promoviert an der École des Hautes Études en Sciences Sociales

 

‘Die heutigen Ruinenmauern sind erfüllt von diesem unermesslichen Gedächtnis.‘ Genealogien und (Neu-)Erfindungen einer Agrarpoetik an den Pfirsichmauern von Montreuil

Das Forschungsprojekt ‘Die heutigen Ruinenmauern sind erfüllt von diesem unermesslichen Gedächtnis.‘ Genealogien und (Neu-)Erfindungen einer Agrarpoetik an den Pfirsichmauern von Montreuil untersucht landschaftliche, künstlerische und landwirtschaftliche Praktiken, die danach streben, das Erbe der einstigen »grünen Vorstadt von Paris« anzutreten und sich zugleich mit deren Verschwinden auseinanderzusetzen.
Das Forschungsprojekt verortet sich in der Geschichte der Gärten und nimmt als zentrales Untersuchungsfeld das Gebiet der sogenannten »Pfirsichmauern« (murs à pêches) in Montreuil in den Blick, wo seit dem 17. Jahrhundert eine dichte Form des Obstbaus entwickelt wurde. Diese landwirtschaftlich genutzten Flächen wurden ab den 1950er-Jahren weitgehend beseitigt. Ökologische und zivilgesellschaftliche Kämpfe haben jedoch zur Bewahrung einiger Parzellen geführt, die von der agrarischen Vergangenheit der Stadt zeugen.
Es gilt, dieses Ruinengedächtnis zu charakterisieren, in dem sich die Hinterlassenschaften eines bedeutenden Ortes der Gartengeschichte mit Abfällen, Verschmutzungen und Nutzungskonflikten verbinden. Untersucht werden dabei unter anderem die Rückgriffe auf Archive zur Gestaltung von Stadtvierteln, in denen landwirtschaftliche und urbane Formen miteinander verflochten sind, sowie die Wiederbelebung von Techniken der sogenannten »Montreuilloiser Methode«, etwa des Spalierobstschnitts oder der »Markierung« der Früchte. Zugleich geht es um Versuche, das Verschwinden dieser Landschaften als Erbe anzutreten und sich der verbliebenen Fragmente anzunehmen.
Ausgehend vom Patchwork der Parzellen der Pfirsichmauern fragt das Projekt nach den Genealogien und Neuerfindungen der Bilder und Praktiken einer »landwirtschaftlichen Stadt«, die heute zwischen Erinnerung und Wunsch angesiedelt ist.

 

Charlotte Menut Pergola
Promoviert in Film- und audiovisuellen Studien an der Universität Sorbonne Nouvelle 

 

Die Stadt in Nachtsicht: Die Stadt bei Nacht im Kino, in der Fotografie und in der zeitgenössischen Kunst

In seinem Text Paris Futur (1851) verankerte Théophile Gautier die urbane Moderne in einer gesteigerten Sichtbarkeit und flächendeckenden Beleuchtung der Stadt: Das Bild der modernen Stadt muss hell und lesbar sein, damit die Menschen ihre Vergnügungen ohne Grenzen genießen können. In der Vorstellung einer vollständig beleuchteten Metropole zeigt sich die Ambivalenz der Stadt bei Nacht: Sie ist zugleich ein zu rationalisierendes und kontrollierendes Objekt und ein marginales Terrain des Vergnügens und der Freizeit. Heute erlauben Nachtsichttechnologien diese Kartografie der nächtlichen Stadt. Ursprünglich im militärischen Kontext entwickelt und eng mit Überwachungstechnologien verbunden, ermöglichen sie es, die Dunkelheit zu durchdringen und Dinge sichtbar zu machen, die dem menschlichen Auge sonst verborgen bleiben. Zugleich eignen sich Künstler:innen diese Technologien an, um die nächtliche Stadt zu dokumentieren und ihre Lesbarkeit zu befragen. Die dabei entstehenden Bilder sind vielgestaltige und jeweils singuläre Bildobjekte, die durch technische Verfahren geprägt und zugleich ästhetisch eigenständig sind. Sie erzeugen ein medialisiertes Bild der nächtlichen Stadt, das uns Zugang zu einem anderen Sichtbaren eröffnet und dieses zugleich verändert. Wie verändert diese neue Bildtechnik unsere Wahrnehmung und damit unsere Erfahrung der Stadt bei Nacht? Welche Vorstellungen von der nächtlichen Stadt verschwinden, welche werden neu entdeckt? Inwiefern wird eine Lesbarkeit der Stadt in einer vermeintlich vollständig sichtbaren Welt möglich? Das Projekt fragt danach, welche Facetten der Stadt durch Technologien der Nachtsicht sichtbar werden und welche ihrem Blick entzogen bleiben. Im Zentrum stehen die Geschichte von Technologien der Nachtsicht, ihr Platz in der visuellen Kultur sowie ihre Aneignung durch Künstler:innen. Untersucht wird dabei auch, wie diese sich in Traditionen des nächtlichen Betrachtens einschreiben oder mit ihnen brechen – insbesondere mit der Figur des Flaneurs, der die Logiken der nächtlichen Stadt erschließt und zu ihrer Lesbarkeit beiträgt.

 

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Charlotte Menut Pergola

Charlotte Menut Pergola

Stipendiatin des Zwei-Jahresthemas / 2026 – 2028
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Robert Schlücker

Robert Schlücker

Stipendiat des Zwei-Jahresthemas / 2026 – 2028

Robert Schlücker

 

Fotografie (in) der „umkämpften Stadt“. Protest, Partizipation und künstlerischer Anspruch in Bildern urbaner Communities und Architekturen, ca. 1965–1985

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts war der urbane Raum zentraler politischer Versammlungs- und Aushandlungsort. Im Laufe der 1960er Jahre wurde er jedoch zunehmend selbst zum Gegenstand gesellschaftlicher Debatten und Proteste. Kritisiert wurden städtebauliche Entwicklungen, die soziale Dynamiken und gewachsene Strukturen urbaner Räume nur unzureichend berücksichtigten – etwa der Abriss historischer Bausubstanz oder die Errichtung von Stadtautobahnen. In diesen städtebaulichen Konflikten verdichteten sich zugleich übergeordnete gesellschaftliche Herausforderungen wie wachsende soziale Ungleichheit und Umweltverschmutzung.
Im fotografischen Diskurs der Bundesrepublik der 1960er bis 1980er Jahre nehmen Bilder dieser „umkämpften Stadt“ eine wichtige Rolle ein. Die urbanen Protestaktivitäten der Neuen Sozialen Bewegungen brachten eine vielfältige visuelle Kultur hervor und wurden medial umfassend dokumentiert. Zugleich stellen topografische Aufnahmen städtischer Siedlungslandschaften und Milieustudien zumeist urbaner Communities zentrale Genres dokumentarischer Fotografie dar, die nicht nur in journalistischen Reportagen aufgegriffen werden. Auch in einem künstlerischen Kontext, in dem die Fotografie in diesem Zeitraum zunehmend anerkannt wird, reflektieren Künstler:innen anhand von Bildern der Stadt über den Wirklichkeitsgehalt oder die soziale Wirksamkeit des Mediums. 
Das Projekt widmet sich unterschiedlichen fotografischen Praxen und Kontexten, in denen die politisierten Debatten um die Stadt dokumentiert, reflektiert und aktiv mitgestaltet wurden. Untersucht werden soll, in welchem Verhältnis (sozial-)politische Anliegen und künstlerischer Anspruch in Bezug auf dokumentarfotografische Praxis ab den 1960er Jahren stehen und inwiefern urbanistische und stadtpolitische Debatten im Kunstfeld aufgegriffen und verhandelt wurden.