Blickwechsel #11 – Tempozeichen

Blickwechsel #11

Im Rahmen der Serie »Blickwechsel« schreiben Kolleg:innen des DFK Paris im Duo über Wort-Bild-Paare. Die daraus entstehenden Texte können verfolgt werden über www.instagram.com/dfkparis und sind auch hier auf unserer Homepage nachzulesen.

Im elften Beitrag von Januar 2026 tauschen sich die drei Praktikantinnen Sylvia Krämer, Jasmin Meinert und Elisabeth Potemkin mit Karin Seltmann-Dupuy zu folgendem Wort-Bild-Paar aus:

John Everett Millais, My Second Sermon, 1864, Wasserfarbe auf Papier, 240 × 168 cm, London, Victoria and Albert Museum, Inv.-Nr. 399-1901, https://collections.vam.ac.uk/item/O15045/my-second-sermon-watercolour-millais-john-everett

Von den Stichworten »Tanz« und »Rhythmus« haben wir uns zu unserem Wortpaar inspirieren lassen und sind bei einem Besuch der Ausstellung »L’Empire du sommeil« im Musée Marmottan Monet auf John Everett Millais’ Gemälde My Second Sermon (1864) gestoßen. Mit dem Begriff »Tempozeichen« bedienen wir uns fachfremdem Vokabular, die Symbolik wird aber auch uns musikalischen Laien schnell klar, in der Zeit der Weihnachtsfeiertage sogar für alle spürbar. Zwischen den Jahren scheint die Zeit ihren eigenen Rhythmus zu suchen. Die Tage verlieren ihren festen Puls, das Datum verschwimmt und alles wird ein wenig weicher, stiller. Wie in einem Musikstück, das plötzlich innehält. Ritardando, ein Atemzug zwischen zwei Takten. So wie wir in diesen Tagen zwischen den Jahren, halb im Alten, halb im Neuen, befindet sich auch die kleine Effie in Millais Gemälde in einem Zustand des Dazwischen. Ein Moment, um das pianissimo zu vernehmen, den eigenen Takt zu fühlen, und zu entscheiden, in welchem Tempo wir weiterspielen wollen.

Und was geht dir angesichts dieses Wort-Bild-Paares durch den Kopf, liebe Karin?

Deine Elisabeth Potemkin, Jasmin Meinert und Sylvia Krämer
 

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Ja, so scheint es mir auch: Erschöpft von der beschleunigten Vorweihnachtszeit – accelerando heißt das Tempozeichen – ist das Mädchen bei der Predigt eingeschlummert. Sofort erinnerte mich Millais’ Effie an einen Besuch in der Tate in London. Dort hängt dessen wohl berühmtestes Bild: Ophelia, singend im Wasser zwischen Blüten dahintreibend. Auch sie befindet sich in einem Zustand des Dazwischen, liegend, tagträumend nach innen blickend. Das Motiv der mystisch dahin gestreckten Person griff Banksy in seinem Graffiti vom Dezember 2025 auf: Zwei Kinder in Winterkleidung liegen auf dem Rücken und schauen nach oben; das größere lenkt mit dem Finger den Blick des anderen. Was betrachten sie? Das neu gebaute Hochhaus mit Luxuswohnungen? Oder die leuchtenden Kugeln am Weihnachtsbaum auf dem Platz? Einen Kometen, der am Himmel entlang schweift, als kenne er den Weg zum Heil der Menschheit?

Danke, liebe Sylvia, Jasmin und Elisabeth, für diesen Blickwechsel!

Eure Karin Seltmann-Dupuy
 

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Karin Seltmann-Dupuy

Secrétaire de direction / Gestion événementielle
Téléphone +33 (0)1 42 60 44 46